Sonntag, 5. Juli 2015

ISIS und Nationalsozialismus

ISIS und Nationalsozialismus  PDF
Luis Liendo Espinoza


Parallelen zwischen dem Islamischen Staat (IS) und dem Nationalsozialismus wurden bereits in einigen Artikeln angedeutet. Neben ideologischen Verbindungen (Antisemitismus, Verschwörungstheorien, Weltherrschaft, Homophobie, etc.) wurde auch auf die Praxis systematischen Massenmordes und öffentlichen Terrors hingewiesen. Berichte von Menschenrechtsorganisationen, Fotos und Videomaterial belegen, dass der IS systematisch Massenexekutionen organisiert und ausführt. Dabei wurden Gefangene unter Schlägen auf Lastwägen getrieben und zur Exekutionsstätte verfrachtet, wo sie in ausgehobenen Gräben erschossen wurden. Darüber hinaus ist der IS auch für öffentliche Exekutionen und Folter berüchtigt. Die Bilder von in der Öffentlichkeit aufgehängten und gekreuzigten Menschen, von gefolterten und ermordeten Kurden, denen Schilder mit Schmähungen umgehängt wurden, erinnern eindringlich an die Fotos der Wehrmachtsverbrechen in der Sowjetunion, als deutsche Formationen Hundert-tausende jüdische und russische Zivilisten außerhalb der Kriegshandlungen ermordeten und Millionen terrorisierten.

Neben diesen äußerlichen Gemeinsamkeiten gilt es jedoch weit tiefer reichende Verbindungen zwischen der aktuellen Krise und dem Nationalsozialismus zu formulieren. Im April 2015 veröffentlichte der Spiegel ein umfassendes Dossier, das die innere Organisationsstruktur des IS beleuchtete: „Vom Beginn an sah der Plan vor, dass die Nachrichtendienste parallel arbeiten würden. Das gewöhnliche Nachrichtenamt berichtete dem »Sicherheits-Emir« der Region, der für die Distrikt-Emire verantwortlich war. Der Leiter der geheimen Spionage-Zellen und ein »Nachrichtendienst und Informationsmanager« im Distrikt berichteten dem jeweiligem Emir. Die lokalen Spionage-Zellen berichteten dem Vertreter des Distrikt-Emir. Das Ziel war es, dass alle sich gegenseitig überwachen würden.“

Die Existenz paralleler und rivalisierender Strukturen im NS-Regime wurde bereits Anfang der 50er von Hannah Arendt konstatiert. Allein innerhalb des SS-Apparates waren drei verschiedene Instanzen – Sicherheitspolizei/SD, Ordnungspolizei und die Höheren SS- und Polizeiführer – für Terror und Massenmord in den besetzten Gebieten zuständig. Während Sipo/SD und Orpo den jeweiligen SS-Hauptämtern unterstellt waren, unterstanden die SS- und Polizeiführer direkt dem Reichsführer SS. Im Zuge des Krieges lösten sich formale Kompetenzbereiche und Befehlswege zwischen diesen SS-Fraktionen auf. An deren Stelle trat ein dynamischer Prozess, der von lokaler Initiative, Intervention durch die Führung und einem Bekenntnis zu den Grundsätzen der NS-Ideologie bestimmt war. Die Fragmentierung der Herrschaft betraf nicht allein die SS, sondern das gesamte NS-Regime. Neben dem Sicherheitsapparat bildeten mit der Expansion totalitärer Herrschaft Wehrmacht, Verwaltung, Partei und Wirtschaft eigene Organe zur Kontrolle, Ausbeutung, Terrorisierung und Ermordung der Bevölkerung aus. Alle Fraktionen waren in abgestufte moderate und radikale Einheiten organisiert, welche indirekter oder direkter mit den Verbrechen des Regimes verbunden waren. Das wechselseitige Verhältnis der Fraktionen untereinander war von ernsthafter Rivalität, Kooperation und Dynamik geprägt. So bildeten in der Anfangsphase des Nationalsozialismus die SA und deren Straßenterror gegen politische und objektive Feinde ein Machtzentrum des Regimes. Ab 1934 verlor die SA zugunsten der SS und der Wehrmacht an Einfluss. In der Expansionsphase des Dritten Reiches gewann die Wehrmacht an Einfluss. In diesem Zeitraum gewann sie Zugriff auf Ressourcen in den eroberten Gebieten und auf über 5 Millionen sowjetische Kriegsgefangene, von denen über 3 Millionen ermordet bzw. vorsätzlich in den Lagern dem Tod überlassen wurden. Der SS unterstand ein Imperium an Hunderten Lagern und KZ-Häftlingen, ihre Innovationen zur Organisation des Massenmordes und des Terror verhalfen ihr zu einer zentralen Machtposition. Am Ende des Dritten Reiches verlor die Wehrmacht an Einfluss, während bspw. die Reichskanzlei und Krisenstäbe neue Kompetenzen erwarben. Die Macht der Fraktionen beruhte auf Kontrolle über Ressourcen, Arbeitskräfte, eigene bewaffnete Formationen, erfolgreiche Partizipation an Terror und Massenmord und die Fähigkeit Ziele des Regimes effektiv umsetzen zu können. Fragmentierung und Dynamik wiederholten sich auf allen Ebenen und Auswüchsen des Regimes, sodass an verschiedenen Orten verschiedenste Konstellationen der Fraktionen die Interessen des Regimes exekutierten. Die Bewegung des Machtzentrums wurde von Arendt folgendermaßen beschrieben: „Der Einwohner des Dritten Reiches lebte nicht nur unter den gleichzeitigen und zumeist konkurrierenden Instanzen […], er wusste niemals im gegebenen Augenblick, welcher dieser Instanzen gerade die Fassade und welche die wirkliche Macht repräsentierte.“


Frühe SS-Fahne

Ein wesentlicher Fehler der Experten und Kommentatoren zum Thema IS war es, den IS allein isoliert und als konventionelle militärische Macht zu betrachten. Versuchen wir nun die gegenwärtige Krise im Nahen Osten als Mobilisierung totalitärer Bewegungen zu begreifen, können wir u.a. folgende Fraktionen identifizieren: Der IS, eine aus Al-Qaida hervorgegangene Organisation, welche Terror und Mobilisierung nachhaltig neu definiert hat und das neue Zentrum des sunnitischen Dschihad darstellt; Verschieden radikale Al-Qaida Fraktionen; weitere sunnitische Extremisten; das AKP-Regime, welches die verschiedenen Terrororganisationen instrumentalisiert und die politischen Strukturen im Inneren gleichschaltet; die sunnitischen Extremisten in Europa; das Assad-Regime, welches ebenfalls den IS instrumentalisiert; schiitische Dschihadisten; das Iranische Regime, das sowohl das Assad-Regime als auch die schiitischen Milizen beeinflusst; die irakische Zentralregierung, welche ebenfalls zusehends unter die Kontrolle des Iran fällt. Alle Fraktionen sind radikal antisemitisch und Anhänger totalitärer Ideologien, viele haben schwere Kriegsverbrechen verübt. Die wesentlichen Unterschiede zum Nationalsozialismus: Es gibt weder einen vollständig ausgebildeten gemeinsamen ideologischen noch organisatorischen Rahmen für die Fraktionen. Die verschiedenen Organisationen rivalisieren nicht allein miteinander, sondern befinden sich untereinander in einem blutigem Krieg.


Die vormals eher disparaten regionale Krisenherde und Akteure des globalen Dschihad haben sich im Zuge der Eskalation des syrischen Bürgerkrieges immer enger miteinander verflochten. Dabei formierten sich die totalitären Bewegungen und Regime entlang der konfessionellen Spaltung von Sunna und Shia. Beide Lager zeichnen sich durch einen Wildwuchs von paramilitärischen Organisationen, globaler Rekrutierung und permanenter Mobilisierung aus. Die sunnitischen Organisationen sind zudem zum Teil heftig miteinander verfeindet und bekämpfen sich auch gegenseitig. Das paradoxe Resultat des jahrelangen brutalen Krieges zwischen sunnitischen und schiitischen Dschihadisten war nicht die Schwächung der rivalisierenden Bewegungen, sondern deren Aufrüstung, Expansion und Radikalisierung. Die Resultate der aktuellen totalitären Mobilisierung weisen auf die Gemeinsamkeiten mit dem Nationalsozialismus: Permanente Mobilisierung, Massenmord, Krieg, globaler Antisemitismus. Sollte der Krisenherd weiter expandieren, der Libanon, Jemen und Libyen sind bereits Teil dieses Szenarios, das Schicksal Afghanistans und Pakistans hängt noch in der Schwebe, dann ist selbst die düstere Perspektive eines Weltkrieges, den Norman Podhoretz 2007 den Vierten Weltkrieg nannte, nicht mehr Fiktion. Letztlich wird alles davon abhängen, ob die nicht-totalitären Gesellschaften des Westens und in der Region eine Antwort auf diese Krise finden.