Montag, 24. März 2014

Der Syrien Krieg

Der Syrien-Krieg.
Warum Israel und die internationale Gemeinschaft die Kurden in Rojava unterstützen sollten.
Luis Liendo Espinoza*






"These al Qaeda guys go crazy
when they hear that
we are women fighters"
YPG Kommandeurin


Ich bin kein Freund der abscheulichen Bilder von Leichen, welche zum Krieg in Syrien auf social media kursieren. Dieses Bild ist jedoch symptomatisch, es zeigt einen Mann, welcher vom Islamische Staat im Irak und al-Sham (ISIS) nahe al-Raqqa city gekreuzigt wurde. Kurdische Quellen berichten, er würde zur Abschreckung drei Tage lang öffentlich ausgestellt werden.1

In den letzten Tage startete ISIS eine Großoffensive und griff die kurdische Provinz Kobane an mehreren Fronten an. Die kurdischen Selbstverteidigungseinheiten YPG/YPJ töteten seit Beginn der Offensive mindesten 200 ISIS-Kämpfer. Da die Angriffe unvermindert fortgesetzt werden, kann man daraus schließen, dass Tausende ISIS-Kämpfer, kurdische Quelle berichten von 8.000 Jihadisten (!), in die Kämpfe involviert sind. Ein Angriff dieser Größe wurde aller Wahrscheinlichkeit nach von der ISIS-Führung geplant. Nach Monaten erniedrigender Niederlagen durch YPG/YPJ in deren Verlauf mindestens 1.000 Jihadisten getötet wurden (YPG spricht von über 3.000 getöteten Gegnern), geht ISIS nun in die Offensive.2 ISIS hat verstanden, dass YPG/YPJ und die Kurden das größte Hindernis für ihre blutige Herrschaft in Syrien und eine militärische und politische Bedrohung ersten Ranges sind. Die Kurden in Syrien verfolgen ein politisches Projekt, das nicht auf blinden Militarismus, Antisemitismus und religiösen Fanatismus, sondern auf eine klare Einschätzung der Situation, vernünftiges Selbstinteresse und Toleranz für andere Religionen und Kulturen basiert. ISIS greift nun die Provinz Kobane, welche die kurdischen Provinzen im Osten und Westen verbindet, an, um Rojava in zwei Teile zu spalten. Sie haben hohe eigene Verluste einkalkuliert und zielen auf eine strategische Niederlage der Kurden ab. Das Syrian Observatory for Human Rights (SOHR), die wichtigste Quelle für authentische Informationen zur Situation in Syrien, bestätigt die jüngsten ISIS Aktivitäten gegen die Kurden und im Norden Syriens. SOHR und kurdische Quellen berichten von der Vertreibung 600 kurdischer Zivilisten bei al-Raqqa, einer Massenexekution von 24 Zivilisten und Gefangenen bei Jarablus, drei koordinierten Selbstmordanschlägen in der kurdischen Hauptstadt Qamischli, welche 9 Tote und Dutzende Verletzte forderte, die Enthauptung und Exekution von 9 kurdischen Kämpfern bei Aleppo, die Sabotage der Wasserversorgung von Kobane-city, die Exekution und Enthauptung von 7 kurdischen Zivilisten, darunter zwei Kinder, bei Reef Aleppo und mindestens einen vereitelten Bombenanschlag.3 Die Berichte über den Terror in Syrien sind teilweise so verrückt, dass man geneigt ist, sie für Propaganda abzutun. YPG/YPJ und die Kurden in Rojava wissen freilich um die Ernsthaftigkeit der Lage und haben in mehreren Deklarationen zu einer vollständigen Mobilisierung und Einheit aller Kurden aufgerufen, um die massiven Angriffe von ISIS abzuwehren.4

Während im Rest Syriens mittlerweile 4 verschiedene Parteien sich zum Teil heftig bekämpfen, haben ISIS und mit ihnen verbündete Milizen in mehreren Ortschaften und Städten in der irakischen Provinz Anbar in den letzten Monaten die Macht übernommen. Die UNO gibt an, dass im Februar 2014 über 700 Menschen im Irak Opfer von Terroranschlägen wurden. Iraq Body Count berichtet von über 900 irakischen Zivilisten, welche im selben Monat Opfer von politischer Gewalt wurden. Die Mehrheit der Opfer dürfte auf das Konto von ISIS Anschlägen und Angriffen gehen. Im Libanon starben im März 2014 über 30 Personen durch Terroranschläge und Schießereien. Auch hier gibt es klare Verbindungen zum Konflikt in Syrien. Hisbollah ist mit Tausenden Kämpfern auf Seiten des Assad-Regime in Syrien aktiv und sitzt in der libanesischen Regierung, während viele Sunniten im Libanon die syrische Opposition unterstützen. Die ganze Region steht in Flammen, während Politiker und Experten davon reden, die Syrien-Krise einzudämmen, hat sich der Syrische Bürgerkrieg bereits zu einem regionalen Krieg ausgeweitet, der täglich unsägliche Brutalität generiert. Der Syrien-Krieg wird auf dem Boden Syriens, Iraks und dem Libanon ausgetragen. Direkt involviert sind u.a. Iran, Katar, Saudi Arabien, Türkei, USA und Russland. Die Tatsache, das die modernen Kriege nicht dem traditionellen Schema mit klar definierten Kriegsparteien und nachvollziehbaren strategischen Zielen derselben entsprechen, hat viele in die Irre geführt, welche soziale und ideologische Faktoren nicht entsprechend berücksichtigt haben. Syrien ist ein negatives Modell für die allgemeine Krise im Nahen Osten.

Heute kann niemand mehr genau angeben, wie viele Menschen in Syrien tatsächlich exekutiert, enthauptet, verstümmelt, gefoltert und durch vorsätzliche Angriffe des Assad-Regime auf Zivilisten ermordet werden. Beinahe täglich werden neue Details zu brutalen Morden bekannt und die Leichen geborgen. Der Nahe Osten wird zu einer Todeszone. YPG und die Kurden in Rojava sind die einzige Kriegspartei in Syrien, der keine ernsthaften Menschenrechtsverletzungen nachgesagt werden. Dies hat nichts mit einer unkritischen Unterstützung für die PKK zu tun, mit welcher die YPG verbunden ist, die Kurden in Rojava kämpfen um das nackte Überleben, sie versuchen mit allen Mitteln, diesen Alptraum von ihren Gebieten fernzuhalten. Wenn 40% der kurdischen Armee aus Frauen besteht, dann aus dem simplen Grund, weil es die einzige logische Weise ist, 40% mehr Soldaten zu rekrutieren, um sich gegen den Terror der Jihadisten zu verteidigen. Kein einziger Staat auf der Welt unterstützt die Kurden in Rojava. Als manche Grenzübergänge in Norden Syriens noch unter der Kontrolle von Jihadisten waren, lieferte die Türkei Nachschub für die Terroristen, welche ungehindert die Grenzen überqueren konnten. Nachdem die YPG die Islamisten vertrieb, errichtete die Türkei tatsächlich eine Mauer, um jede Unterstützung für Rojava zu unterbinden.5 Auch aus Irak-Kurdistan kommen nur wenige Hilfslieferungen, da die dortige Regierung ihren Einfluss in Rojava durch die PYD, der PKK-nahen politischen Kraft, welche maßgeblich den Kurs Rojavas bestimmt, gefährdet sieht. Von der US-Regierung darf man sich ohnehin nichts mehr erwarten, die USA haben es erneut geschafft, durch eine kurzsichtige und falsche Politik die extremistischen Elemente in diesem Konflikt zu stärken, sie haben offensichtlich kein Interesse an einer moderaten nicht USA-feindlichen Kraft, welche al Qaida bekämpft. Es ist also kein Wunder, dass unter diesem Druck die Kurden und selbst syrische Oppositionelle auf Israel zugehen. Der führende PKK-Funktionär Zubeyir Aydar fand in einem Interview mit der Jerusalem Post klare Worte: "Die anderen Nationen im Nahen Osten - Araber, Türken, Iraner, Kurden - müssen die Existenz Israels im Nahen Osten akzeptieren. Sie müssen begreifen, dass diese Nation aus dieser Region stammt, dass sie Einheimische der Region sind. [...] Diese Nation hat das Recht, auf ihrem eigenen Land zu leben." Zivilgesellschaft, Medien und Wissenschaftler müssen daran arbeiten, eine Kommunikationslinie zwischen den Kurden, der moderaten syrischen Opposition, Israel und der internationalen Gemeinschaft zu etablieren.

Quellen:





* Luis Liendo Espinoza ist freier Autor und Mitbegründer von WIFNO (Wissenschaft für Frieden in Nah-Ost)